Bye Bye Social Media und Smartphone
Letztes Jahr habe ich durchschnittlich ungefähr 4 Stunden pro Tag an meinem Smartphone verbracht. Das sind 1’460 Stunden oder 2 ganze Monate ununterbrochen, Tag und Nacht, in denen ich auf dieses bunt leuchtende Gerät in meiner Hand gestarrt habe.
In denen ich auf Repeat die News-App, das Wetter, die Mails, die Nachrichten gecheckt habe. Netflix geschaut, ChatGPT gefragt, Podcasts gehört, auf Pinterest nach „Inspirationen“ gesucht, auf Instagram täglich Storys und Reels gepostet habe und hin und wieder auch in eines der tieferen Doomscroll-Löcher auf TikTok gefallen bin.
Was mir mein Smartphone vor allem nimmt, ist Lebenszeit.
Allein in den letzten 10 Jahren, in denen ich es regelmässig benütze und auch meinen Social Media Auftritt betreibe, habe ich etwa 1,5 Jahre (ebenfalls à 24h) vor diesem kleinen rechteckigen Bildschirm verbracht.
In Arbeitstage à 8 Stunden umgerechnet, ergibt das 1’642,5 Tage.
Das sind 6,8 volle Arbeitsjahre.
Fast 7 Jahre, in denen ich also von Montag bis und mit Freitag jeweils acht Stunden lang auf mein Handy starre, anstatt in die Welt zu blicken - was erschreckend ist, wenn man sich das so nüchtern und pragmatisch in Zahlen vor Augen führt.
Das so auszurechnen war bei mir auch einer der Auslöser für den Wunsch, für längere Zeit, ja für ein ganzes Jahr, weitgehend analog zu gehen.
Was mir genommen wurde
Aber nicht nur diese Zahlen, sondern auch mein mentales Wohlbefinden war unter anderem Auslöser dafür, dass ich dieses Jahr nun definitiv zu einem ohne Smartphone und Social Media erklärt habe. Mir ist aufgefallen, wie ich in den letzten Jahren immer weniger von dem umsetze, was mir eigentlich wirklich wichtig ist. Zeit mit meiner Familie, Zeit für mich, Herzensprojekte, welche ich schon lange anpacken möchte, das Lesen, das Schreiben, meine Kreativität - all das ist in den letzten Jahren kleiner und leiser geworden in meinem Leben. Und das auch, weil gerade Social Media so viel lauter geworden ist und einem nicht nur als Konsument*in, sondern auch als Creator*in, mit z. B. den starken Veränderungen im Algorithmus etc., so viel mehr Aufmerksamkeit, Zeit und Raum stiehlt. Der anfänglichen Freude ist Unmut und der Inspiration ist Frustration gewichen, was diese Plattformen immer mehr zu einem Stressfaktor in meinem Leben gemacht haben, welcher meinen persönlichen Sinn von Glück und Zufriedenheit massiv gedämpft hat. Zum anderen wurde das Smartphone über die Jahre auch immer mehr zu einem Begleiter, den ich nicht nur an meiner Seite wollte, sondern vor allem auch brauchte - eine immer enger werdende und auslaugende Abhängigkeit formte sich, welche mir vor allem eines raubte: Präsenz.
„Ich möchte aus dem ständigen Konsumieren wieder ins Kreieren finden. Aus dem reissenden Sog der Ablenkung wieder in den sanften Fluss der Präsenz.“
Die Kraft des Momentes
Es ist zu einem raren Luxus geworden, was eigentlich normal sein sollte. Ungestörte Zeit, in der man präsent, bei sich und mit voller Aufmerksamkeit einer Tätigkeit nachgehen kann oder auch einfach nur hier ist. Dem Leben begegnet, sich selbst begegnet. Wahrnimmt, ohne dass man gleichzeitig innerlich oder äusserlich an eine Vielzahl anderer Orte gezogen wird. Denn genau dort, im bewusst gelebten Moment, liegt eines der grössten Geschenke des Lebens für uns gebettet: das zarte und wunderschön tiefe Sich-berühren-lassen-können vom Leben.
„Ich möchte weniger Zeit damit verbringen, auf einen leuchtenden Bildschirm zu starren und wieder mehr in die echte Welt blicken.“
Das Leben verpassen
Die Anzahl von Stunden, Tagen, Wochen, Monaten, ja Jahren, die ich mit Dingen hätte füllen können, die mich wirklich erfüllt hätten und mir langanhaltendes und echtes Glück geschenkt hätten, anstatt diese oberflächliche Abkürzung durch das fast schon rituelle Checken meiner Apps zu nehmen, beunruhigt mich. Sowie auch die Entwicklung, die die aktuellen Social-Media-Plattformen nehmen. Den immer abstrakteren Charakter, den das Posten, Teilen, sich Inszenieren und irgendwie Mithalten-Wollen annimmt. Wenn man eine Weile dieser Welt von IG und Co. den Rücken kehrt und dann wieder einloggt, dann erkennt man erst, wie fern von Realität, Konstruktivität und Sinn vieles ist, was man dort Tag für Tag zu sehen bekommt. Und ich spreche nicht nur von purer Unterhaltung oder vom immer grösser werdenden AI-Slop, auch das ganz profane Teilen des eigenen Lebens finde ich mittlerweile immer befremdlicher. Was ist der Sinn dahinter? Braucht das die Welt, führt das in eine konstruktive Richtung, bringt es uns als Einzelpersonen und Gesellschaft voran oder ist es nicht einfach vor allem eines: Ablenkung.
Wenn es mir nicht gut geht
Als ich mich in letzter Zeit bewusst angefangen habe darauf zu achten, zu welchen Zeitpunkten ich mein Handy in die Hand nehme, wurde mir bewusst, dass ich damit oft unangenehme Gefühle wegdrücke. Mir ist langweilig: Habe ich eine Nachricht bekommen? Da kriecht etwas leicht Trauriges durch meine Gefühlswelt: Wie ist wohl mein neuer Post auf Instagram angekommen? Es sind ganz subtile Wellen von Negativität, welche ich auch erst als solche erkannt habe, als ich meinen Fokus ganz bewusst auf sie gerichtet habe, doch mein fast schon automatisches Reaktionsmuster, um diese schön flach zu halten, war oft, dass ich mich durch den Bildschirm abgelenkt habe. Was natürlich einfacher ist, die Dinge nicht fühlen zu müssen, doch was auf die Länge nur noch mehr in dieses schon bereits blubbernde Fass stopft, welches doch endlich wahrgenommen und sanft ins Fliessen - nicht zum Überlauf - gebracht werden möchte. Social Media und Co. als Trostpflaster für alte Wunden ist keine gute Idee und doch bedient sich der Grossteil der Nutzer*innen dieser Plattformen genau dieser Taktik.
„Social Media reguliert nicht, es spielt mit der krassen Fülle an Eindrücken und Informationen, welche wir oft nicht genügend verarbeiten können, genau in die gleiche Überreizung, vor der wir eigentlich flüchten wollen.“
Aussteigen ist nicht nur einfach
Da ich auch beruflich auf Social Media präsent bin, war es für mich in der Vergangenheit oft schwer, längere Pausen einzulegen, weil dies bedeutet hat, dass meine Arbeit und mein Onlinebusiness weniger Aufmerksamkeit bekommen hat. Was weniger Verkäufe und somit ein unsichereres Einkommen bedeutet hat. Das längste waren drei volle Monate ohne Instagram und ich muss sagen: Ich habe es geliebt! Ich wurde in dieser Zeit mit einer so schönen Ruhe, Fokus, Leichtigkeit und einem ganz neuen Sinn meines Selbst belohnt. Ein Selbst, welches unabhängig von Likes, Follows, den Erwartungen von fremden Menschen und auch meinen eigenen existierte.
Ich habe es in den letzten Jahren regelmässig bereut, dass ich und auch mein Partner unseren Fokus so stark auf unseren Instagram-Auftritt gelegt haben und z. B. unser Podcast oder auch unsere E-Mail-Liste nicht schon von Anfang an an erster Stelle gestanden haben, um unsere Arbeit den Menschen zugänglich zu machen. Social Media scheint eine „einfache“ Alternative zu sein, doch sie hat definitiv ihren Preis, den ich immer weniger bereit bin zu zahlen. Wir sind nun seit längerem langsam am Umstrukturieren und es tut gut, immer weitere Schritte wegzumachen von allem, was Short-Form-Content ist. Dieses Jahr wird mein Partner unseren gemeinsamen Business-IG-Account erst einmal noch selbst weiterführen, mir somit den Rücken freihalten, damit ich mich ganz zurückziehen kann von diesen Plattformen, um herauszufinden, wie sich ein Leben weg von diesem Lärm, der Überreizung, dem Stress und mit weniger Ablenkung und mehr Langsamkeit, Echtheit und Präsenz anfühlt.
Natürlich sind auch Ängste da. Werde ich etwas verpassen? Werde ich noch relevant bleiben? Werden mich die Menschen vergessen? Wie wirkt sich diese Veränderung auf unsere Arbeit aus? Ist diese Entscheidung die richtige oder lasse ich gerade etwas fallen, was eigentlich nur etwas mehr Kraft von meiner Seite bräuchte, damit es sich wieder richtig und gut anfühlen würde? Doch genau mit diesen Ängsten spielen diese Plattformen auch. Die Betreibenden möchten, dass wir sie benützen, möchten unsere Aufmerksamkeit, unsere Präsenz, unsere Lebenszeit und tun sehr viel dafür, dass sie dies möglichst auch von uns bekommen. In den letzten Jahren wurde diese Atmosphäre der Angst und des Mangels bewusst kultiviert und bedeutet für mich auch da ein immer untragbareres Gewicht, welches ich einfach nicht mehr auf meine Schultern laden möchte. Der Sinn von Sicherheit ist durch dieses Klima immer mehr gewichen, was mich hat Mauern aufbauen lassen. Mauern, die mich davon abhalten, mich in meiner ganzen Tiefe zu zeigen, auszudrücken und auch Nähe zuzulassen von jenen, die mir auf diesem Weg begegnen. Was schade ist, denn die Welt braucht Echtheit, braucht Tiefe, braucht auch Zartheit und Langsamkeit - doch genau dafür hat es an diesen Orten einfach keinen Platz mehr.
„Ich habe jahrelang auf eine gute Gelegenheit gewartet, um mich von diesen Apps für länger zu verabschieden, und bin zum Entschluss gekommen, dass es immer ‚gute Gründe‘ gibt, um eben nicht zu gehen - und dass ich diesen Schritt wohl einfach wagen muss.“
Die Umsetzung
Es ist Anfang Jahr, ich habe mich auf Instagram und auch TikTok für ein ganzes Jahr verabschiedet und die Apps gelöscht. Ich habe mir ein Minimal-Phone gekauft, mit welchem ich weiter telefonieren, die nötigsten Nachrichten schreiben, wenn ich möchte auch Musik hören oder Notizen machen kann. In den nächsten Tagen komme ich endlich dazu, meine über 180k (!) Fotos und Videos der letzten 10 Jahre (das heisst im Durchschnitt habe ich etwa 50 Fotos/Videos pro Tag gemacht - und das hauptsächlich wegen meinem IG-Account, was einfach krass ist) auf eine externe Festplatte zu packen, damit ich beruhigt auch endlich von meinem Smartphone loslassen kann. Ich hänge doch auch an meinen Fotos – erzählen sie mir doch die Geschichten der letzten Jahre –, aber ich freue mich, dieses Jahr mit meinen zwei Kameras, meiner Spiegelreflex und auch der analogen, auf eine langsamere und hochwertigere Art und Weise festzuhalten.
Auch habe ich meinen Laptop, mit dem ich weiterhin meine Texte schreibe, meine Fotos bearbeite, Zugang zum Internet haben kann und unsere Webseiten, die Arbeit und den Podcast betreue und weiter aufbaue und auch Filme schaue etc. Was wegfällt, ist das Unmittelbare. Meinen Laptop trage ich nicht mit mir durch den Tag, mein Laptop wartet zu Hause, in seine ockerfarbige Hülle aus gewachstem Papier gesteckt, auf mich. Mein Laptop ruft nicht konstant mit seiner drängend leuchtenden Stimme nach mir, er bleibt stumm und wartet, bis ich ihn von mir aus öffne.
Wenn ich ehrlich bin, dann fühlt sich dieses vor mir liegende Jahr an, als hätte ich die letzten 10 Jahre konstant den Atem angehalten und dürfte nun endlich ausatmen. Mein Körper entspannt sich, ich werde ruhig, es ist das warme Gefühl von neu entfachter Lebendigkeit und innerem Feuer zu spüren und ich schmiede Pläne, was ich alles in diesem Jahr umsetzen möchte. Ich bin gespannt, wohin mich diese Reise führt. Ob ich wirklich so viel mehr Raum in diesem Jahr habe für mich, meine Prozesse, mein Leben, meine Projekte, wie ich denke, und wie sich die Abwesenheit von Smartphone und Social Media auf mich, mein Leben, mein Erleben und mein Wohlbefinden genau auswirkt. Ich werde dich hier auf dieser Reise mitnehmen und neben meinen Texten und Gedichten durchs Jahr auch regelmässig ein Update geben, wie es mir damit geht.
Auf jeden Fall fühlt es sich jetzt gerade, ganz am Anfang, einfach ganz fest nach einer neu gefundenen und warm kribbelnden Freiheit an.