Fast drei Monate offline - ein ehrliches Update

Vor nun fast drei Monaten, gegen Ende 2025, habe ich den Entschluss gefasst, mich für ein ganzes Jahr von Social Media und meinem Smartphone zu verabschieden. Ich hatte genug von der Ablenkung, dem konstanten Stress und der Überforderung, die diese Plattformen und auch dieses leuchtende Rechteck in meiner Hand in mir auslösten, das mich anzog wie die Erde den Mond und mich ständig von etwas abhielt, von dem ich eigentlich nur mehr möchte: vom Leben.

So banal das klingt, so tief und auch fast schon beängstigend ist es, dass wir einen so extrem grossen Teil unseres Lebens damit beschäftigt sind, auf unser Handy zu starren, um… Ja, um was eigentlich? Um das Wetter das vierte Mal am Tag zu checken? Noch einmal kurz in jemandes Storys auf Instagram zu schlüpfen, noch ein letztes Mal die Mails zu kontrollieren oder nur noch ein kleines bisschen auf TikTok zu scrollen? Was da so zusammenkommt, sind etwa 50–60 Mal pro Tag, in denen wir das Smartphone hervorholen, und im Durchschnitt etwa drei Stunden, in denen wir damit vom eigentlichen Leben absorbiert sind.

Weniger Stress, weniger Ablenkung, mehr Präsenz, mehr Zeit, wieder mehr Leben, das war also meine Hauptmotivation, diesen radikalen Schritt zu machen. Aber ich würde lügen, wenn ich sagen würde, dass sich mein Leben in diesen knapp 80 Tagen, in denen ich nun nicht konstant den nächsten Dopaminkick erhielt und kopfüber im Smartphone verschwand, komplett um 180 Grad gewendet hätte.

Aber ich starte am Anfang.

Drei Stunden mehr pro Tag, in denen ich wirklich mit mir und dem Leben in Kontakt bin? Nehme ich. / Castelo Branco, 24

Als ich zu Beginn des Januars, in der ersten Woche des neuen Jahres, auf meinem Instagram- und TikTok-Kanal verkündet habe, dass ich ein Jahr Pause einlegen werde, habe ich die Apps kurz darauf gelöscht. Ehrlich gesagt habe ich mich sehr auf diesen Schritt gefreut. Ist Social Media in den letzten Jahren doch immer mehr zu einem wachsenden Stressfaktor in meinem Leben geworden und ich war froh, diesen nun endlich ganz bewusst streichen zu können.

Mit meinem Smartphone verhielt es sich da etwas anders. Ich habe bis Mitte Januar gebraucht, um es endlich loszulassen. Habe immer wieder andere Gründe gefunden, warum ich jetzt noch nicht auf mein Minimalphone umsteigen kann und es noch etwas länger in meiner Nähe brauche. Ich war ehrlich gesagt erstaunt, wie schwer es mir fiel, mich von diesem leuchtenden Taschencomputer zu trennen und auch, dass ich mit der Gewohnheit, mein Handy bei mir zu haben, eine Art von Sicherheit und Komfort verband.

Es gab mir die Möglichkeit, ob Zuhause oder unterwegs, immer erreichbar zu sein, kurz googeln zu können, wenn eine Frage auftauchte, gefühlt Zugang zu allem und zu allen zu haben, in gewisser Weise war mein Smartphone das Tor zur Welt, welches ständig offen stand. Und dieses Tor zu schliessen hat mir Angst gemacht.

Nach ein paar Wochen der Prokrastination wusste ich allerdings, dass ich den Schritt nun einfach machen muss. Rip the fucking Bandage off, wie man so schön sagt - und das habe ich getan. SIM-Karte raus, gleichzeitig und lange auf den linken und den rechten Knopf an der Seite drücken, einmal nach rechts swipen und der Bildschirm wurde schwarz. Und meine Welt still.

Das dachte ich ehrlich gesagt.

(Dem war aber nicht so.)

Obwohl der Lärm von Social Media und der ständige Drang, nach dem Smartphone zu greifen, nun aus meinem Leben gestrichen waren, war da erst mal nur wenig Effekt zu spüren. Ich hatte immer noch mein Online-Business, das ich mit meinem Partner führe, meinen Newsletter, Substack und auch ausserhalb der digitalen Welt Kinder, ein Offgrid-Grundstück, über fünf Hektar Land, Tiere, Garten, eine Beziehung und ja, mich selbst, was auch nicht wenig Arbeit bedeutet.

Herausforderungen, Lärm und auch Stress waren also immer noch da. Kein magischer Knopf, um das alles auszuradieren. Im Gegenteil: Mir wurde erst so richtig bewusst, wo der Schuh sonst noch drückt, als ich diesen ersten grossen Stein, das Smartphone und Social Media, daraus entfernt hatte.

Und das war der springende Punkt.

Mit dem Beseitigen dieser grossen Störquelle und der ständigen Ablenkung, in die ich mich gerne geflüchtet habe, hatte ich nämlich plötzlich Raum, um wahrzunehmen, wo ich mich in meinem Leben gerade befand, wie es mir damit ging und auch, was eben gerade noch nicht perfekt lief. Was noch Stress und Unruhe in mein Leben brachte, was mir zu viel war, was auch in der analogen Welt noch meine Präsenz stahl und was ich gerne ändern möchte.

Weg von Social Media und Smartphone zu gehen und wieder analoger zu leben ist kein Wundermittel, das einem plötzlich ein ganz neues und freies Leben schenkt. Es ist vielmehr eine Möglichkeit, Raum dafür zu bekommen, um sich dieses Leben zu erschaffen.

Denn sind wir ehrlich: Schlussendlich ist auch ein Leben, das mit mehr Präsenz, Zeit, Aufmerksamkeit und Achtsamkeit gefüllt ist, Arbeit. Und zwar eine, die neben dem Erkennen, dem Aussortieren, dem Wechsel und der Veränderung im Aussen auch im eigenen Innern stattfinden darf.

Ein grosser Teil des Lärms, der Überforderung und des Stresses, vor dem wir davonlaufen und dem wir uns nicht widmen möchten, von dem wir uns mit noch mehr Lärm und Stress ablenken und den wir mit dem nächsten angenehmen Dopaminkick zu lindern versuchen, findet in uns selbst statt.

Dieser Raum, diese Leere, die entsteht, wenn die Ablenkung und das angenehme Pflaster plötzlich wegfällt, müssen wir erst einmal aushalten können. Und dann dazu nützen, um damit zu arbeiten. Mit den Themen, die dann plötzlich sichtbar werden. Mit den unangenehmen Gefühlen, die diese mit sich bringen. Mit dem Schmerz, der Wut, der Trauer, der Ohnmacht, ja, mit all dem unverarbeiteten Chaos, das noch in uns liegt und das uns noch als letzte zu durchdringende Haut davon trennt, ein Leben in Präsenz zu führen.

Und ja, jeder Mensch trägt dieses Durcheinander mit sich, das bei den einen lauter, oder auch leiser sein kann, je nach persönlicher Geschichte, je nachdem, ob man bereit ist hinzuschauen und sich bewusst auf die innere Arbeit einzulassen, die es zu dessen Verarbeitung braucht. Doch es ist da. Wartet darauf, endlich erkannt und gesehen zu werden. Berührt zu werden.

Verarbeitet zu werden.

Wo mich das also gelassen hat, nachdem ich nun nach fast drei Monaten ohne Social Media und Smartphone - zwei so grosse Quellen von Dauerrauschen in meinem Leben - zurückblicke, ist, dass ich endlich wieder mehr Platz habe für meine eigenen Prozesse. Schon in dieser kurzen Zeit kam ich mit Dingen in Berührung, die endlich hochkommen konnten, die ich aktiv und auch passiv in den letzten Jahren (und das, obwohl ich seit über einem Jahrzehnt bewusst innere Arbeit mache!) erfolgreich runterdrücken konnte. Betäuben konnte. Mich davon ablenken konnte. So lange, bis es wieder genug leise war, um sie zu hören, um Platz zu haben, um sie an mich heranzulassen.

Auch habe ich in dieser kurzen Zeit, mit mehr Raum und Zeit für mein Leben, mich und meine Liebsten, diesen grossen Prioritätenshift erlebt, den ich oben schon angesprochen habe. Ich habe gemerkt, was gehen darf – und auch, wohin ich mein Lebensschiff in der nächsten Zeit und in den kommenden Jahren steuern will. Dass man von den täglichen tausenden Stimmen, Bildern, Leben, Ideen und Vorstellungen wieder mehr zu sich selbst und ins eigene Leben zurückfindet, wenn man aus der Onlinewelt ein gutes Stück zurück in die analoge taucht, ja, das stimmt. Und es ist etwas, worauf ich mich freue, in diesem Jahr noch viel mehr zu erleben.

Dass ich dabei allerdings die Segel selbst in der Hand haben muss, ist mir auch klar geworden. Und ich freue mich auch darauf, genau dieses Segeln noch viel besser zu lernen, als ich es jetzt schon kann.

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Bye Bye Social Media und Smartphone